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Grundlagen von Akupunktur und verwandten Verfahren


Akupunktur und Manuelle Therapie – ein Synergismus?


Als Synergismus wird sinngemäß das Zusammenwirken der verschiedensten Strukturen oder Kräfte im Sinne einer gegenseitigen Förderung und eines daraus resultierenden gemeinsamen Nutzens definiert. Nur in der Medizin haben wir eine synergistische Sonderform zu verzeichnen: Zwei vom Grunde her gegensätzliche Strukturen oder Kräfte bilden nur im synergistischen Miteinander eine wirkungsvolle Einheit. Das einfachste Beispiel synergistischer Wirkungen ist das harmonische Zusammenspiel von Muskelgruppen. Diese Besonderheiten von Synergismen in der Medizin sind in Tabelle 1 aufgelistet.

Tab.1: Synergistische Besonderheiten in der Medizin
Gewebe/Organsystem   Gegenspieler/Gegensatzpaare
Bewegungssystem   Muskeln als Agonist/Synergist und Antagonist/Synergist
Tonische Muskeln und Phasische Muskeln
Nervensystem   Zentrales und Peripheres Nervensystem
Motorisches und vegetatives Nervensystem
Sympathikus und Parasympathikus

Mit dem (Stütz- und) Bewegungssystem und dem Nervensystem befasst sich in Diagnostik und Therapie die Reflexmedizin. Akupunktur am Biao und Manuelle Medizin am Arthron sind zwei Bestandteile der Reflextherapie. Neuromuskuläre Störungen sind Gegenstand der diagnostischen Betrachtungen und therapeutischen Bemühungen. Fazit: Akupunktur und Manuelle Therapie sind Reflextherapie. Die Definition von Wagner, Schwanitz und Hentsch (1982) hat bis heute seine Bedeutung uneingeschränkt beibehalten: Reflextherapie ist das gezielte Einwirken exogener Reize auf Rezeptoren des Nervensystems mit dem Ziel einer therapeutischen Beeinflussung von reflektorisch bedingten, reversiblen pathologischen Veränderungen im Organismus.

Den gemeinsamen Nenner findet man im funktionellen, neuromuskulären Zusammenspiel beider Organsysteme, sie bilden eine funktionelle Einheit. Anders gesagt: Manuelle Therapie und Akupunktur dienen beide der Wiederherstellung der Funktion des Stütz- und Bewegungssystems mit all seinen Bestandteilen, den Gelenken, Faszien, Sehnen, Muskeln, Nerven. Leitsymptome sind jeweils der Schmerz, muskuläre Spannungsänderungen und Funktionsstörungen am Arthron. Sie sind in sich funktionelle Synergismen mit auf dem ersten Blick völlig unterschiedlichen Funktionen.

Im Zentrum der diagnostisch-therapeutischen Betrachtungen der Manuellen Medizin steht das Bewegungssegment nach Junghanns, die komplexe Verbindung zweier benachbarter Wirbelsegmente. Gleiches gilt aber auch für alle peripheren Gelenke. An allen Funktionseinheiten sind im wesentlichen Knochen, Sehnen, Bänder, Muskeln und Nerven beteiligt. Nach Bergsmann (1990) steht das Junghanns‘sche Bewegungssegment mit allen anderen Strukturen des Organismus in enger funktioneller, reflektorischer Beziehung.

Im Mittelpunkt aller manualtherapeutischen Betrachtungen steht die Funktionsstörung des physiologischen Gelenkspiels, die Blockierung. Sie ist verschiedenster Genese, kann Folge von Muskelfehlsteuerungen, von Traumen, von viszeralen Störungen im entsprechenden Segment, aber auch von bioklimatischen und psychosomatischen Einflüssen sein. Immer liegt dabei eine Aufhebung des Joint-Play vor.

Unbehandelt führen Blockierungen zu weiteren Funktionsstörungen an Teilen des Stütz- und Bewegungssystems bis hin zur vorprogrammierten Dekompensation und damit zu verschiedenen reaktiv-regressiven, strukturellen Veränderungen. Die Folgen unbehandelter Gelenkblockierung sind in Tabelle 2 aufgeführt.

Tab.2: Folgen unbehandelter Gelenkfunktionsstörungen
  • Veränderungen der Stereotypie (Fernstörung)
  • Reflektorische Veränderungen mit Beeinflussung der Trophik (Durchblutungsstörungen, Myogelosen, Parästhesien u.ä.)
  • Schmerzen (nicht obligatorisch)
  • Auswirkungen auf Nachbarsegmente, welche die Störung kompensieren: Veränderte Stereotypie und/oder Überlastung
  • Verminderung der Adaptationsfähigkeit z.B. durch Demineralisation und regressive Veränderungen

Tittel (1957/2003) beschreibt in seinem Lehrbuch „Beschreibende und funktionelle Anatomie des Menschen“ die funktionelle Einheit im Stütz- und Bewegungssystem als Muskelschlingen, unterschieden in Beuge- und Streck-Schlingen, zusammenwirkend als Muskelfunktionsketten, die als arthro-muskuläre Verkettungen imponieren. Muskelschlingen kreuzen häufig über Gelenken. Typischerweise finden sich an den Kreuzungsstellen der Beuge- und Streckschlingen biologisch aktive Punkte, besser bekannt als Akupunktur-Punkte. Das Wesen der arthro-muskulären Verkettung zeigt die Tabelle 3. Die Abb.1 zeigt den Zusammenhang zwischen Muskelschlingen und Akupunktur-Punkten.

Abb.1: Arthro-muskuläre Verkettung mit Akupunktur-Punkten an den Kreuzungen der Beuge- und Streckschlingen (modifiziert nach Tittel, 1994)



Tab.3: Arthro-muskuläre Verkettung
  • Ein Muskel agiert nie isoliert, ist funktionell integriert
  • Wechselbeziehung zwischen Form, Struktur und Funktion
  • Agonisten, Antagonisten und Synergisten bilden mit Gelenken Funktionseinheiten
  • Muskelfunktionsketten sind Streck- und Beugeschlingen

Die Akupunktur als Methode der Reflextherapie orientiert sich am peripheren und zentralen Nervensystem, am motorischen und vegetativen Nervensystem, dabei besonders das duale Prinzip von Parasympathikus und Sympathikus als Bestandteil der synergistischen Einheit von YIN und YANG. Daraus resultiert das Entsprechungssystem der TCM (s. Tabelle 4). Zwei dualistische Gegenspieler bilden funktionell eine Einheit, ergeben nur gemeinsam ein sinnvolles Ganzes. In der Monade wird diese ausgeglichene Harmonie, die Homöostase, das funktionelle Gleichgewicht beschrieben, es herrscht Gesundheit. Jede Störung des latenten Gleichgewichts führt über die Disharmonie letztendlich zur Krankheit.

Tab.4: TCM-Entsprechungssystem
YIN-Aspekte   YANG-Aspekte
Nacht, Dunkel, Winter   Tag, Licht, Sommer
Erde, Kälte, Wasser   Himmel, Wärme, Feuer
Statik, Materie  

Dynamik, Energie

Weiblich, Astheniker   männlich, Athlet
Ruhe, Schlaf   Bewegung, Aktivität
Exspiration   Inspiration
Diastole, Dilatation   Systole, Kontraktion
Parasympathikus   Sympathikus

Im Bezug auf die verschiedensten Bestandteile der Strukturen des neuro-muskulären Systems nutzt die Akupunktur alle drei Ebenen, segmental, suprasegmental und zentral. Die Definition ist dementsprechend: Die Akupunktur ist ein afferentes Stimulationsverfahren zur Aktivierung efferenter spinaler und supraspinaler Hemmsysteme durch Reizung biologisch aktiver Gewebeareale zur funktionellen Beeinflussung somatischer und psychischer Störungen und Schmerzzustände unter Einbeziehung segmental-reflektorischer, suprasegmentaler und zentraler Mechanismen.

Die lokale Regulationsebene wurde durch Becke (1991) als Segmental-regulatorischer Komplex beschrieben (s. Abb.2) und gilt für alle reflexmedizinischen Therapieoptionen wie Akupunktur und Manuelle Therapie ebenso wie für die Neuraltherapie und Physiotherapie.

Abb.2: Segmental-regulatorischer Komplex (modifiziert nach Becke, 1991)



Die Akupunktur-Wirkungen sind bestens untersucht und in Tab.5 gelistet. Für unser Thema sind die analgetische und die motorisch-relaxierende Wirkung von besonderer Bedeutung: In beiden Wirkungen handelt es sich um eine neuromotorische Reflexantwort auf einen Reiz auf Rezeptoren des neuromuskulären Systems. Die Tab.6 fasst die verschiedensten Erklärungsmodelle für die TCM-Leitbahnen zusammen.

Tab.5: Akupunktur-Wirkungen
  • Analgetisch, motorisch-relaxierend
  • vasodilatatorisch
  • vegetativ-homöostatisch
  • sedierend, psychisch harmonisierend, antidepressiv
  • immunmodulierend, endokrinologisch

Tab.6: Leitbahn-Konzepte
  • Energiebahnen der TCM
  • Ordnungssystem für biologisch ähnlich aktive Punkte; Orientierungshilfe
  • Analogon für Muskelketten und Segmentverläufe
  • Informationsträger
  • Resonatorsystem für kohärente elektromagnetische Wellen, die die Organsysteme untereinander verbinden

Unter Analogon für Muskelketten und Segmentverläufe ist der Bezug zwischen Akupunktur und Manueller Medizin beschrieben. Von König & Wancura wurden schon in 1975 die segmentalen Zusammenhänge der Leitbahnen der TCM erkannt. So stellen die Leitbahnen jeweils Projektionen im betreffenden Dermatom, Myotom, Sklerotom, Neurotom und in seiner Verbindung zum Viszerotom dar. Diese grundlegenden Zusammenhänge unterstreicht Frau Wancura-Kampik in ihrem Lehrbuch „Segment-Anatomie, der Schlüssel zu Akupunktur, Neuraltherapie und Manualtherapie“.

An den Extremitäten ist die segmentale Zuordnung der Leitbahnachsen von besonderer Bedeutung. Wie von den Chinesen beschrieben folgen die Leitbahnachsen mit ihrem Hand- und Fußteil einer suprasegmentalen Verschaltung (s. Tab.7).

Tab.7: Segmentale Zuordnung der Leitbahnachsen
Leitbahn   Hand-Teil Fuß-Teil Segmente
Yangming   Dickdam-Leitbahn Magen-Leitbahn C5/C6 – L3/L4
Shaoyang   Erwärmer-Leitbahn Gallenblase-Leitbahn C7 – L5
Taiyang  

Dünndam-Leitbahn

Blase-Leitbahn C8 – S1

Auch die Mu-Alarm- und Shu-Zustimmungspunkte, dem Viszerotom zugehörig, fügen sich in diese segmentale Gliederung ein und folgen den Prinzipien im Sinne dieses Analogons für Muskelketten und Segmentverläufe. Letztendlich haben Ingrid Wancura-Kampik und O. Perschke für viele Akupunktur-Punkte die diagnostischen und therapeutischen Verbindungen zu einzelnen Muskeln beschrieben, die in der täglichen Praxis wertvolle Hilfen sind.

Zwei Punkte sollen an dieser Stelle besonders hervorgehoben werden, die in der segmentalen Zuordnung im Leitbahn-Achsen-Konzept nach Poetzschner (2002) einen herausragenden Stellenwert haben, das wären der Punkt Luozhen (Nackenstarre), auch als Punkt außerhalb der Meridiane PaM 108 und Ex-HA 8 benannt, sowie der Punkt Niushang (Verrenkungspunkt), auch Neu-Punkt NP 67 benannt, als einer der wichtigste Punkte für das lumbale Wurzelgebiet leider nicht als Ex-AH gelistet.

Der Luozhen PaM 108 (Ex-AH 8) nimmt Einfluss auf alle drei Segmente der Handteile der YANG-Leitbahnachsen, damit auf alle Bewegungsstörungen der HWS. Die Lokalisation findet sich auf dem Handrücken zwischen den 2. und 3. Mittelhandknochen 5 fen proximal der Fingergrundgelenke. Der Punkt Niushang (NP 67) ist das Pendant für die LWS und nimmt Einfluss auf alle Bewegungsstörungen der lumbalen Segmente. Er liegt auf der Verbindungslinie Di 5 zu Di 11, 3 cun distal des Di 11. Beide Punkte sind Fernpunkte, also indiziert bei allen akuten Störungen im entsprechenden Wurzelgebiet und damit in der segmentalen Zuordnung. Akut werden sie kontralateral oder beidseits sedierend gestochen.

Damit können wir die Gemeinsamkeiten von Akupunktur als Reflextherapeutische Verfahren zusammenfassen. Sie dienen der Wiederherstellung der Funktion des Bewegungssystems mit allen seinen Bestandteilen, den Gelenken, Faszien, Sehnen, Muskeln, Nerven, nutzen dabei besonders den Schmerz als Orientierung und die arthro-muskulären Verkettungen mit den lokoregionalen Akupunktur-Punkten als diagnostisch und therapeutisch regulierbare Strukturen am Stütz- und Bewegungssystem sowie peripheren und zentralen Nervensystem. Poetzschner (2002) hat diese Zusammenhänge grafisch verdeutlicht (s. Abb.3).

Abb.3: Synergismen (modifiziert nach Poetzschner, 2002)



Die synergistischen Zusammenhänge zwischen Akupunktur und Manueller Medizin sind frappierend. Sie sind lehrbar, lernbar und reproduzierbar, auf jeden Fall in den Akupunktur-Kursen der DGfAN. Unser Motto: Lust auf Fort- und Weiterbildung?

Dr. med. Reinhart Wagner
Facharzt für Allgemeinmedizin
Facharzt für Sportmedizin
Akupunktur, Chirotherapie, NHV
Kuhbacher Hauptstr. 71
77933 Lahr
dr.wagner@dgfan.de

Literatur beim Verfasser

Aktualisiert am: 17.10.2013


Reisebericht

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